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sbc-Energie-Radar Ausgabe 8 – KW17/2026

sbc Energie Radar Ausgabe 8 · KW 17/2026
 
Was diese Woche trägt: Im Ruhrgebiet geht die erste industrielle Hochtemperatur-Wärmepumpe Deutschlands ans Fernwärmenetz, Großstädte reißen ihre Wärmeplan-Fristen entgegen, und die BNetzA stößt die nächste Grundsatzdebatte an: Sollen Einspeiser künftig Netzentgelte zahlen?
1 · DAS WICHTIGSTE – KURZ & KNAPP
  • Herne wird Pionier: Uniper, Evonik und Iqony nehmen die erste industrielle Hochtemperatur-Wärmepumpe Deutschlands in Betrieb – 1.000 Haushalte, 1.750 t CO² weniger pro Jahr. Zur Pressemitteilung
  • Wärmepläne im Endspurt: Bremen, Dresden und Schwerin konkretisieren in wenigen Tagen ihre Vorgaben – die Juni-Frist für Großstädte rückt näher. Überblick bei stadt+werk
  • BNetzA (Bundesnetzagentur) öffnet die Netzentgelt-Debatte: Die Reform AgNes sieht dynamische Netzentgelte und Baukostenzuschüsse für Einspeiser vor – Start idealerweise 2029. IWR-Ticker
  • Handelsblatt Stadtwerke-Tagung am 22./23. April in Berlin – mit BNetzA-Vize Barbie Kornelia Haller, Trianel-Chef Sven Becker, Stadtwerke Hanau u. v. m. Programm
  • Lieferantenwechsel in 24 Stunden ist seit Jahresbeginn verpflichtend – für viele Stadtwerke Anlass für kritische Blicke in die eigene IT-Prozesswelt. BNetzA-Übersicht GPKE
 
2 · IM FOKUS

Aus Chemie-Abwärme wird Stadtwärme: Herne setzt ein Signal für das Ruhrgebiet

Uniper, Evonik und das Fernwärmeunternehmen Iqony haben am 13. April am Evonik-Standort Herne die erste industrielle Hochtemperatur-Wärmepumpe Deutschlands vorgestellt. Sie hebt Kiihlwasser-Abwärme aus der Chemieproduktion (ca. 28 °C) in einem Schritt auf bis zu 130 °C – das Niveau klassischer Fernwärmenetze. Bisher verpufften diese rund 1,5 Megawatt über Kühltürme. Künftig versorgen sie ca. 1.000 Haushalte und sparen bis zu 1.750 Tonnen CO² pro Jahr. Für Iqony ist es nach Gelsenkirchen und Essen das dritte Abwärmeprojekt im Ruhrgebiet binnen weniger Monate – mit Skalierungspotenzial von weiteren 20 MW. Das Projekt zeigt praktisch, was die Energiewende im Fernwärmesektor braucht: Sektorenkopplung mit belastbarer Ingenieursleistung.

Relevanz für sbc: Ein Gesprächsaufhänger bei jedem Ruhrgebiets-Kunden. Wir haben Stadtwerke in der Region mit ähnlichem industriellen Umfeld – Abwärme-Potenziale sind häufig kartiert, aber selten mit klaren Business Cases hinterlegt. Ansatzpunkt für Kurz-Analysen „Abwärme-Potenzial im Versorgungsgebiet“.
Quellen: Uniper · Chemietechnik · stadt+werk

Wärmepläne laufen, Umsetzung stockt – die Kluft wird sichtbar

In den vergangenen Tagen haben Bremen, Dresden und Schwerin Fortschritte bei ihren kommunalen Wärmeplänen gemeldet: Bremen beschloss den Plan am 7. April, Dresden brachte eine überarbeitete Fassung in den Stadtrat ein, Schwerin legte Szenarien bis 2045 vor. Der Druck ist real: Großstädte über 100.000 Einwohner müssen ihre Pläne bis 30. Juni 2026 vorlegen – daran knüpft die 65-Prozent-Regel des Gebäudeenergiegesetzes an. Nach dem KWP-Wärmewendeatlas haben 1.033 von rund 10.750 Gemeinden einen fertigen Plan, 4.635 sind im Prozess. Die Debatte verlagert sich vom „Planen“ zum „Finanzieren und Umsetzen“: Der Deutsche Städtetag fordert 3,5 Mrd. Euro jährlich für die Bundesförderung effizienter Wärmenetze (BEW).

Relevanz für sbc: Die Phase nach dem Planbeschluss ist unser Moment. Finanzierung, Projektorganisation, Priorisierung von Ausbaumassnahmen, Schnittstelle zur Gasnetztransformation – typische Schmerzpunkte, die wir mit systemischem Blick auf Gesamtinfrastruktur, Kosten und Akzeptanz adressieren können.
Quellen: stadt+werk · Deutscher Städtetag · enwipo.de

Netzentgelt-Reform AgNes: Sollen Einspeiser bald mitzahlen?

Bis 2025 galt: Wer Strom einspeist, zahlt keine Netzentgelte – die Netzkosten tragen Verbraucher. Die BNetzA hat im Februar ihre Orientierungspunkte zur Allgemeinen Netzentgelt-Systematik (AgNes) vorgelegt und arbeitet seither an einem Paradigmenwechsel: Stromerzeuger sollen ab 2029 über dynamische Netzentgelte und einmalige Baukostenzuschüsse an den Kosten beteiligt werden. In einem Expertenaustausch Mitte Februar prallten die Positionen aufeinander – die BNetzA sieht ein Anreizinstrument für netzdienliches Einspeiseverhalten, der BDEW (Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft) bevorzugt Baukostenzuschüsse. Für Bestandsanlagen soll ein Vertrauensschutz gelten, dessen konkrete Ausgestaltung aber offen ist. Parallel senkt der Bundeszuschuss von 6,5 Mrd. Euro die Übertragungsnetzentgelte 2026 um rund 57 Prozent – ein kurzfristiger Entlastungseffekt für die Endkunden von durchschnittlich 2 Cent pro kWh.

Relevanz für sbc: Für unsere Netzbetreiber-Kunden ein strategisches Thema der nächsten 24 Monate. Kalkulationsmodelle für Anlagenbetreiber, interne Stellungnahmen zur Konsultation, Szenariomodellierung bei Investitionsentscheidungen – hier entstehen Beratungsanlässe ohne unmittelbaren Stichtagsdruck, aber mit großer Hebelwirkung.
Quellen: IWR · Bundesregierung zum Bundeszuschuss

KI in der Energiewirtschaft: Vom Experiment zum Werttreiber

Die PwC-Studie „KI in der Energiewirtschaft 2026“ inventarisiert rund 60 produktiv eingesetzte KI-Produkte entlang aller Wertschöpfungsstufen – Erzeugung, Netz, Messwesen, Handel, Vertrieb, Kundenservice. Bemerkenswert: 36 Prozent der Unternehmen sehen den größten Hebel in Effizienzsteigerung, 22 Prozent in Kundenservice, 18 Prozent in Qualität (Prognosegenauigkeit, Netzstabilität). 59 Prozent betrachten KI in den nächsten 5-10 Jahren als strategisches oder transformatorisches Element. Ein illustratives Beispiel: Avacon setzt KI für mobilen Asset-Abgleich vor Ort ein und verbessert die Datenqualität ihrer Netzdokumentation deutlich. Parallel hat das Forschungsprojekt AISOP (AI-assisted grid Situational Awareness and Operational Planning) mit Westfalen-Weser-Netz und der ETH Zürich gezeigt, wie KI Netzbetreiber bei Anomalieerkennung und operativen Entscheidungen unterstützt. Die Anwendungsfälle verdichten sich, die Frage für Stadtwerke wird: Wo anfangen, und wie halten wir Schritt?

Relevanz für sbc: Unser Kernanliegen. KI-Use-Case-Portfolios aufbauen, Low-Hanging-Fruits sauber identifizieren, Datenqualität als Vorbedingung ehrlich diskutieren. Die KI-Journey-Stufen (Starter, Anwender, Gestalter, Experte) bieten eine brauchbare Sprache für Gespräche mit Stadtwerke-Vorständen, die ohne Buzzword-Rausch auskommt.
Quellen: PwC-Studie · Forschungsnetzwerke Energie
 
3 · LONGREAD DER WOCHE

Gasnetz-Stilllegung: Wenn der Umbau zum Abbau wird

Bis Anfang August 2026 muss Deutschland die EU-Gasbinnenmarktrichtlinie in nationales Recht gießen – der Referentenentwurf von November 2025 liegt bereits vor. Kernpunkt: Gasverteilnetzbetreiber müssen künftig Verteilernetzentwicklungspläne aufstellen, sobald ein Nachfragerückgang absehbar ist. Das klingt technisch, ist aber politisch sprengstoffhaltig: Sobald ein Plan Stilllegung oder Umstellung vorsieht, entfällt die Netzanschlusspflicht. Unter engen Voraussetzungen dürfen Netzbetreiber Anschlüsse künftig sogar ohne Zustimmung trennen. Gleichzeitig zeigt eine Fraunhofer-Studie: Wer die Stilllegung aufschiebt, lässt Gas-Netzentgelte für die verbleibenden Kunden bis 2045 potenziell auf das Zehnfache steigen.

Lesenswert für alle, die Stadtwerke oder Netzbetreiber beraten – weil die Verknüpfung von kommunaler Wärmeplanung, Transformationsplan und EnWG-Novelle (Energiewirtschaftsgesetz) der zentrale strategische Baukasten der nächsten Jahre wird.

» Zum Beitrag auf recht-energisch.de

 
4 · NRW & ESSEN – REGIONAL

Handelsblatt Jahrestagung Stadtwerke 2026 – 22./23. April in Berlin. Die Bundes-Arena unserer Branche. Mit Barbie Kornelia Haller (BNetzA-Vize, Bereich Energie), Sven Becker (Trianel), Iman El Sonbaty (Stadtwerke Karlsruhe), Rainer Nauerz (Stadtwerke Augsburg). Aus dem Ruhrgebiet dabei: Lars Martin Klieve. Themenblöcke: Wärmewende, KRITIS/Resilienz, Netzbetrieb unter Druck, KI. Programm und Anmeldung

Iqony baut Fernwärme-Portfolio im Ruhrgebiet aus: Nach Gelsenkirchen und Essen ist Herne das dritte Abwärmeprojekt binnen weniger Monate. Aktuell stammen rund 50 Prozent der Iqony-Wärme aus klimaneutralen Quellen. Iqony-Mitteilung

Save the Date: Die nächste E-world in der Messe Essen findet vom 16.-18. Februar 2027 statt. Früh im Kalender blocken lohnt sich – für die Branche bleibt sie die zentrale Leitmesse.

 
5 · SMALLTALK-STOFF

Die Zahl: Rund 130 Euro pro Jahr spart ein Musterhaushalt 2026 durch den Bundeszuschuss zu den Übertragungsnetzentgelten. Das sind Minus 57 Prozent auf Höchstspannungsebene – finanziert aus dem Klima- und Transformationsfonds, gestreckt auf genau ein Kalenderjahr. Die spannende Frage: Was passiert 2027?

Das Detail: Von rund 28 °C auf 130 °C – einstufig. Genau das leistet die neue Wärmepumpe in Herne. Ein Temperatursprung im Megawatt-Maßstab, den herkömmliche Wärmepumpen nicht liefern – und der für Bestands-Fernwärmenetze der Unterschied zwischen Konzept und Realität ist.

 

sbc Energie Radar · Ausgabe 8 · KW 17/2026
Interner Newsletter der sbc soptim business consult GmbH, Essen. Redaktion: Chefredaktion sbc.

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